Meine Geschichte – Befreiung

Gabriela

Im Sommer 1981 entfernte sich ein achtjähriges Mädchen von einem Auto irgendwo in den Bergen Österreichs. In den Hosenbund des Mädchens waren Bargeld und Schmuck eingenäht, worüber sich das Mädchen wunderte. Sie verstand, dass etwas mit ihr passierte.

Sie befand sich mit den Eltern und dem Bruder in den Sommerferien, sie hatten im Auto den weiten Weg von Prag hierher zurückgelegt, aber kein Meter dieser Reise hatte sich angefühlt wie Ferien, niemand hatte gelacht, niemand hatte gefeiert, niemand war vor Freude herumgerannt. Die Eltern und der Bruder waren steif gewesen vor einer Art Furcht. Etwas lag in der Luft, aber das Mädchen wusste nicht, was es sein könnte. Das Mädchen wusste auch nicht, dass die Eltern eine Woche vorher in Jugoslawien, als die Kinder in einem feuchten Zelt auf einem Zeltplatz gewartet hatten, gefälschte Pässe besorgt hatten und mit diesen nach Österreich gereist waren.

Als sie sich vom Auto entfernten, sagten die Eltern zum Mädchen, sie alle würden jetzt in diese Berge wandern gehen und Pilze suchen, aber das Mädchen fühlte, dass dem nicht so sein konnte. Ihre Puppe lag noch im Auto, ihre Lieblingspuppe, jene mit den beweglichen Beinen und dem haarlosen Schädel aus Plastik. Die Eltern sagten, sie müssten sich nun beeilen, und das Mädchen musste ihre Puppe im Auto zurücklassen und lief hinter den Eltern in Richtung Berge. 

Die Sonne schien, aber Wolken zogen über den Himmel. Es war warm und die Luft fühlte sich feucht an. Der Boden war matschig, überall wuchsen Dornenbüsche. Der Vater hatte ein Messer dabei, mit dem er die Dornenranken wegschnitt, und er wirkte nervös. Dem Mädchen kam das unheimlich vor, es hat ein Gefühl, als würde man es würgen.

Sie erreichten eine Stelle des Weges, wo sich auf der rechten Seite eine Schlucht auftat. Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, die Dämmerung begann schon. Die Mutter stolperte und verlor einen Schuh, und der Schuh fiel in die Schlucht hinunter. Die Mutter schrie vor Verzweiflung auf, und da versuchte der Bruder in die Schlucht hinunter zu klettern und den Schuh zu holen, aber die Wand der Schlucht war zu steil, zu feucht und zu rutschig. Der Vater sagte, sie müssten vorwärts, vorwärts, vorwärts, und da lief die Mutter weiter, mit nur einem Schuh an den Füssen.

Das Mädchen geriet in Panik. Es fragte die Eltern, was sie hier taten, wohin sie gingen, wo sie waren, aber die Eltern sagten, sie könne es doch sehen, alle seien sie am Wandern und würden Pilze suchen. In diesem Moment war das Mädchen von den Eltern und dem Bruder abgetrennt, als hätte jemand mit einer Schere alle Verbindungen durchschnitten.

Etwas vom Letzten, woran sich das Mädchen später erinnern würde, waren die Kratzer auf ihren Armen von den Dornen. Im nächsten Moment sass sie auf dem Rücksitz eines Autos. Jemand sagte ihr, sie müsse sich schlafend stellen, sie dürfe auf keinen Fall die Augen öffnen. Ihre Eltern waren nicht da, der Bruder auch nicht, sie sassen in einem anderen Auto. Die Autos fuhren vom Fürstentum Liechtenstein nach Benglen im Kanton Zürich.

Zu dieser Zeit flohen jedes Jahr bis zu 2500 Menschen von den Ostblock-Staaten in die Schweiz. Der Eiserne Vorhang durchschnitt ganz Europa in Ost und West. In diesen letzten Jahren vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Ostblock-Staaten kein eigentlicher Block mehr, trotzdem bestimmte Moskau noch über sie. In der Tschechoslowakei hatte sich in den vergangenen Jahren eine Bürgerrechtsbewegung gegründet, die sich Charta 77 nannte und Opposition gegen das Regime in Moskau betrieb. Mit dabei war unter anderem Vaclav Havel, ein Mann mit verschmitztem Lächeln, der einst der erste Staatspräsident der Tschechischen Republik werden würde. Noch konnte allerdings niemand ahnen, dass der Ostblock so bald auseinanderfallen würde und die Menschen riskierten noch immer ihr Leben beim Versuch, in den Westen zu fliehen. Später veröffentlichte die Behörde für Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus eine grausige Statistik über die Todesursachen der Flüchtlinge. Die Liste reichte von Tod durch Schusswaffengebrauch über Tod durch Stromschlag bis zu Tod durch die Bisse der Wachhunde.

Das Mädchen dachte, es könnte es den Eltern und dem Bruder nicht mehr verzeihen, dass man sie nicht in diese Flucht eingeweiht hatte. Man hatte ihr die Flucht übergestülpt, sie gewissermassen dazu gezwungen. Die Mutter würde viele Jahre später einmal sagen, das Mädchen habe nichts wissen dürfen, denn wenn es etwas ausgeplaudert hätte, dann hätte man sie alle ins Gefängnis gesteckt.

Als Reaktion darauf, dass man nicht mit ihr gesprochen hatte, beschloss das Mädchen, mit niemandem mehr zu sprechen. Sie fühlte sich, als wäre ihr Körper in tausend Stücke verteilt.

Eineinhalb Jahre lang sagte sie kein Wort.

*

Gabriela – das Mädchen, das nicht mehr sprach – bekam von der Mutter ein Meerschwein geschenkt. Mit dem Meerschwein, das sie Trixi nannte, sprach sie dann, allerdings erst im Verborgenen. Eines Tages sass sie auf dem Balkon ihrer Wohnung im Dorf Benglen und sprach mit Trixi, und das hörte die Mutter und sie rief aus: „Meine Tochter spricht!“

Dies war allerdings eines der raren schönen Erlebnisse jener Zeit. Die Familie hatte kein Geld, und die Kinder holten Essen aus einem Container hinter dem Volg. Eines Tages entdeckten sie im Container einen Tisch. Gabriela und ihre Mutter trugen den Tisch heim, sie liefen quer durch das Dorf, mit dem Tisch zwischen sich. Gabriela hatte das Gefühl, das ganze Dorf würde ihr dabei zuschauen, und alle wüssten, dass sie es ebenfalls war, die in der Nacht die Kleidersäcke des Roten Kreuzes nach passenden Kleidern durchsuchte.

Benglen fühlte sich wie ein Gefängnis an. Die anderen Kinder sahen an Gabrielas Körper die Kleider, die sie weggeworfen hatten und mittlerweile in Afrika vermuteten, eine Manchesterhose oder ein bordeauxrotes Hemd, und sie spuckten nach Gabriela, warfen ihr Steine nach und durchstachen die Reifen ihres Fahrrads. Gabriela schämte sich für den Tisch im Container, für das Essen im Container, für die Kleider. Ihr kam es vor, als wären sie die Aussätzigen des Dorfes.

Der Bruder spielte nur noch Basketball und war kaum noch daheim. Der Vater begann zu trinken, und er legte Gabeln und Löffel auf die Klinke der Haustür, da er überzeugt war, jemand würde ihn verfolgen. War er betrunken, sagte er zu seiner Tochter: „Du dummes Kind wirst dieses Land nie verstehen.“ Die Mutter wurde innert kürzester Zeit 120 Kilo schwer, sie war krank und dick, sie konnte kein deutsch, und von den vielen Psychopharmaka war sie die ganze Zeit wie benommen. Gabriela fragte sich, was aus der stolzen Frau geworden war. Über die Flucht sprach niemand, über den Alkohol auch nicht, und über die Depressionen und Selbstmordversuche und psychiatrischen Behandlungen der Mutter ebenso wenig. Die Tochter folgerte, der Grund dafür müsse die Flucht sein, dieser Sprung in die Freiheit, der schiefgelaufen war.

Mit fünfzehn Jahren hielt sie die Tatsache nicht mehr aus, dass über so vieles nicht geredet wurde. All diese Dinge, über die man schwieg, kamen ihr vor wie ein Haufen Scheisse, der auf dem Tisch lag, und dessen Gestank alle zu ignorieren versuchten. Gabriela begann eine Beziehung zu einem Mann, und sie zog daheim aus. Der Vater sagte ihr unschöne Dinge. Sie liess Benglen hinter sich.

Sie ging zum Schmuckgeschäft Bucherer an der Bahnhofstrasse in Zürich und sagte zum Verkäufer, sie wolle den Chef sprechen. Der Verkäufer griff zum Hörer, wählte eine Nummer und sagte in die Muschel des Telefons, hier sei eine Frau, die auf ein Gespräch bestehe. Fünf Minuten später fuhr Gabriela in den vierten Stock hoch und wurde von einem Mann begrüsst, der eine Glatze hatte, braungebrannt war, einen dunkelblauen Anzug trug und nach Parfüm roch. Der Mann sagte: „Wer den Mut hat, unangemeldet zu mir zu kommen und einen Job zu verlangen, hat zumindest eine Chance verdient.“

Gabriela machte eine Lehre als Juwelierverkäuferin. Mit zweiundzwanzig wurde sie schwanger. Zum ersten Mal in ihrem Leben war da ein Mensch in ihrer Familie, dem sie alles erzählen konnte und der nicht erwiderte, dieses Thema sei tabu, und jenes ebenfalls. Fast neun Jahre später kam die zweite Tochter zur Welt. Gabriela machte eine Ausbildung nach der anderen, als wollte sie sich selber beweisen, dass nicht mehr über sie bestimmt würde, sondern dass im Gegenteil sie nun bestimme, was mit ihr geschehe, und dass sie sehr wohl in dieser neuen Welt bestehen könne.

Und sie kam zum Entschluss, dass eine Flucht in den meisten Fällen mehr schade als helfe. Natürlich habe jeder ein Recht darauf, ein Leben in Wohlstand zu führen. Aber die Frage sei, ob man es schaffe, einen Platz in dieser fremden Kultur zu finden. Denn dieser Platz sei an so viele Vorlagen und Bedingungen geknüpft, dass er letztlich sehr eng bemessen sei. Stets sei von Freiheit die Rede, aber die Freiheit sei derart mit Regeln behaftet, dass man daran verzweifeln könne. Letztlich bleibe einem nichts anderes übrig, als sich innerlich zu befreien.

 

«Stelle dich deinen Herausforderungen und befreie dich innerlich, das ist der Schlüssel zu deiner Lebensfreude und deiner Freiheit»

Gabriela, 24.03.2019

 

Ein Auszug aus der Publikation *unter Fremden*

Bestellbar unter https://www.socialinput.ch/unter-fremden/

Erzählt von Gabriela www.coaching-gabriela.ch

Niedergeschrieben von Michael Hugentobler http://www.michael-hugentobler.ch/